Animation zwischen Atomkrieg und Velorennen

Dass Animationsfilme weit mehr erzählen können als familiengerecht verpackte Geschichten über herzige, ermittelnde Hasen und Füchse oder kleine gelbe Männchen mit Glubschaugen, das ist gemeinhin bekannt – trotzdem fristet der Animationsfilm für Erwachsene noch immer ein Schattendasein. Zu unrecht, versteht sich.
Immerhin: Dass Disney – stellvertretend für jenen Animationsfilm der konkret als Kinderfilm konzipiert ist – seit Jahren bei den Oscars wiederholt übergangen wird, und sich stattdessen anspruchsvollere Filme wie «Guillermo del Toro's Pinocchio» oder «The Boy and the Heron» durchsetzen konnten, zeigt, dass zumindest ein Umdenken stattfindet.
Zeit also, der Erwachsenenanimation – oder «Adult Animation», wenn man die leicht anrüchige Note von allem, was mit dem Wort «Adult» daherkommt, nicht scheut – den roten Teppich auszurollen. In der zweiten Ausgabe des Mini-Festivals YOU DID THIS von THE ONES WE LOVE werden euch gleich sieben Animationsfilme mit anspruchsvollem Inhalt vorgeschlagen.
Zur Erinnerung: Bei YOU DID THIS könnt ihr in verschiedenen Kategorien euren Lieblingsfilm küren. In den meisten Standorten stehen sieben verschiedene Kategorien zur Auswahl. In Zürich, Luzern und Baden sind es sogar 14 Kategorien, darunter «Food» mit sieben ausgewählten Essensfilmen oder «K-Crime» mit sieben koreanischen Thrillern. Oder eben «Animated» mit sieben Animationsfilmen, die alles andere als «Kinderfilme» sind.
Die Filme, die sich in ihren jeweiligen Kategorien durchgesetzt haben, werden vom 2. bis 29. Juli in den Kinos Riffraff in Zürich und Bourbaki in Luzern gezeigt, vom 23. Juli bis 5. August im Sterk in Baden, vom 19. bis 25. August in den Pathé-Kinos in Genf und Lausanne sowie vom 20. bis 26. August in den Pathé-Kinos Spreitenbach, Dietlikon, Westside und Mall of Switzerland.
Die Auswahl der «Animated»-Filme besticht durch eine Vielfalt von Themen und Erzählformen: Hier treffen dokumentarische Stoffe auf fabelhafte Fiktion und persönliche Erlebnisse auf herzerwärmende Philosophiestunden. Wiederkehrendes Element ist dabei der Krieg und seine Folgen, heute, wie auch gestern.
When the Wind Blows1986

Die Angst vor dem Atomkrieg und anderen nuklearen Desastern war 1986 allgegenwärtig – nicht zuletzt wegen der Tschornobyl-Katastrophe. In dieses Klima hinein verfilmte der Filmemacher Jimmy Murakami die Graphic Novel «When the Wind Blows» von Raymond Briggs, in der ein älteres Ehepaar durch einen Atomschlag hindurch zu überleben versucht. Ähnlich wie der zwei Jahre später erschienene Anime «Grave of the Fireflies» ist «When the Wind Blows» ein herzzerreissendes, traumatisierendes Werk über die Folgen eines Nuklearschlages.
Flee2021

Das Potential von Animation, Dinge sichtbar zu machen, die der Realfilm nicht sichtbar machen kann, zeigt der animierte Dokumentarfilm «Flee» auf eindrückliche Weise. Der Film von Jonas Poher Rasmussen erzählt die Geschichte des schwulen afghanischen Flüchtlings Amin, der als Teenager nach Dänemark kam – und auf dem auch Jahre nach seiner Flucht ein schweres Geheimnis lastet. Während sich Amin (dessen Name ein Pseudonym ist) in einem realen Setting selber belasten würde, ermöglicht ihm die Anonymität der Animation das freie Erzählen seiner Geschichte. «Flee» ist ein empathisches, berührendes Werk, das die Zwickmühle von (queeren) Menschen auf der Flucht sichtbar macht.
Waltz with Bashir2008

Auch «Waltz with Bashir» von Ari Folman befasst sich mit den Gespenstern des Kriegs. Geplagt von seinen eigenen Albträumen geht der Filmemacher auf die Suche nach den Ursprüngen seiner Schlaflosigkeit – eine Suche, die ihn zurück zu seinen Erfahrungen als junger Soldat im Dienste der israelischen Armee im ersten Libanonkrieg 1982 führt. Ari Folman verhandelt in «Waltz with Bashir» seine eigene Schuld und ruft zum kollektiven Erinnern auf. Damit schafft der Filmemacher, ausgesprochener Kritiker der israelischen Regierung und ihrer Gaza-Offensive, einen hochaktuellen Film.
Persepolis2007

In «Persepolis» erzählt Marjane Satrapi von ihrer Kindheit und Jugend im Iran nach der Revolution – und wie sie als rebellische, Punk hörende Teenagerin schon früh in Konflikt mit den Autoritäten geriet. Als junge Frau wanderte Satrapi zuerst nach Wien und später nach Frankreich aus, wo sie heute lebt. Der ehrliche, verspielte «Persepolis» kann getrost als Türöffner bezeichnet werden: Für ähnlich persönliche Stoffe, die folgen sollten, wie etwa «Flee» oder «Waltz with Bashir» – aber auch für die stärkere Sichtbarkeit von Geschichten aus der Feder weiblicher Regisseurinnen.
Memoir of a Snail2024

Ebenfalls sehr persönlich sind die Stoffe von Adam Elliot, der uns an seinem ganz eigenen Blick auf die Welt teilhaben lässt. Der Australier hat sich mit seinen Knetanimationsfilmen einen Namen gemacht. Mit dem bittersüssen «Mary & Max» eroberte er 2009 die Filmwelt im Sturm und auch in «Memoir of a Snail» vermischt er erneut eigene Erfahrungen mit viel Absurdität und Witz. Der Film erzählt von der schüchternen Grace Pudel, die, begleitet von ihren geliebten Schnecken, die verschiedenen traumatischen Erfahrungen in ihrem Leben verarbeitet. «Memoir of a Snail» ist ein Film über den Versuch, aus dem Schneckenhaus auszubrechen – und wie es ist, dabei zu scheitern.
Marcel the Shell with Shoes On2022

Wer auf etwas leichtfüssigere, aber nicht minder philosophische Kost aus ist, dürfte an «Marcel the Shell with Shoes On» von Dean Fleischer-Camp Freude finden. Die herzige Mockumentary erzählt von einem Dokumentarfilmemacher, der in einem Airbnb auf die redselige Muschel Marcel trifft. Gekonnt kombiniert der Film Realfilm-Elemente mit Stop-Motion – so geschickt, dass die Oscar-Academy überprüfen liess, ob der Film die Anforderungen für die Animationskategorie überhaupt erfüllt. Tat er, und so ist «Marcel the Shell with Shoes On» höchstwahrscheinlich der herzerwärmendste, ganz sicher aber der herzigste Nominierte in der Geschichte dieser Sparte.
Les Triplettes de Belleville2003

In den letzten Jahren hat sich in Europa, insbesondere in Frankreich, eine lebendige Animationsszene gebildet, die getrost als Gegenentwurf zu Pixar, Disney und Co. betrachtet werden kann. Einen der ersten Beiträge zu diesem Kanon schuf Sylvain Chomet mit dem praktisch wortlosen «Les Triplettes de Belleville». Darin muss eine alte Dame ihren velofahrenden Enkel aus den Fängen der Mafia retten. Eine Pedaloverfolgung, Froschjagd mit Granaten und drei schrullige Schwestern – diesem liebevollen französischen Film mangelt es nicht an charmanten Absurditäten.
Wofür schlägt dein Herz? Das Voting findest du hier. Und wenn du wissen möchtest, welche sieben Animationsfilme für ein erwachsenes Publikum ich dir ans Herz legen würde, dann schaue dir meine Liste in der Kategorie «Adult Animation» an und erstelle deine ganz eigene Auswahl:



