Nobody expects Monty Python!

DAS IST EIN TOTER PAPAGEI
Es gibt einen Test, den man machen kann, um zu verstehen, wie tief Monty Python in der Popkultur sitzt. Man nehme eine beliebige Runde Menschen, irgendwo zwischen 25 und 65, und sage laut: «Nobody expects the Spanish Inquisition!»
Dann warte man ab. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden mindestens zwei Personen grinsen, eine weitere den Satz zu Ende sprechen («armed with fear, surprise, ruthless efficiency, and an almost fanatical devotion to… comfy chairs.») – und niemand wird erklären können, woher sie das eigentlich kennen.

Das ist das Paradox von Monty Python: Je mehr sie die Popkultur geprägt haben, desto unsichtbarer ist ihr Erbe geworden. Ihr Humor fühlt sich heute «normal» an, weil wir in einer Welt leben, die sie gebaut haben. Dabei war 1969, als die sechs zum ersten Mal gemeinsam vor die Kamera traten, nichts davon selbstverständlich.
UND NUN ZU ETWAS VÖLLIG ANDEREM

Monty Python, für jene, die's wirklich nicht kennen, ist kein Einzelkünstler, sondern ein britisches Komödien-Kollektiv: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin. Fünf Briten und ein Amerikaner. Vier davon sind Oxford- oder Cambridge-Absolventen. Zusammen machten sie 1969 eine BBC-Show, die niemand so richtig kategorisieren kann: «Monty Python's Flying Circus».
Worum geht's? Um surreale Sketches ohne Pointen. Szenen, die sich ewig ziehen oder einfach aufhören. Und Animationen, die aussehen wie Albträume aus einem Kunstbuch. Die BBC nennt die sechs intern einen «Zirkus», der durch die Gänge «fliegt». Der Name bleibt. Was sie dabei anders machen als alle vor ihnen, lässt sich auf einen Satz bringen: Monty Python befreit die Comedy vom Sketch und verwandelt sie in reinen, organisierten Wahnsinn.

Das war vorher anders. Vorher funktionierte Comedy meist wie ein Mini-Witz: Aufbau, Pointe, Ende. Die Pythons sprengen dieses Schema. Sketches brechen mitten im Gag ab. Figuren sterben unvermittelt. Eine Szene geht nahtlos in die nächste über, ohne Übergang, oder wenn, dann maximal mit einem lapidaren «And now for something completely different». Das Ergebnis ist Comedy, die nicht nur unberechenbar wird, sondern zum ersten Mal *wirklich* aufregend.
Dabei ist Absurdität keineswegs bloss Stilmittel, sondern ein Prinzip. Ein Mann versucht, einen toten Papagei zurückzugeben. Das Ministerium für alberne Gangarten ist für die Förderung alberner Gangarten zuständig. Und in der Streit-Klinik bezahlt jemand, um einen Streit führen zu dürfen – und streitet dann mit dem Angestellten darüber, ob das, was sie gerade tun, überhaupt ein richtiger Streit ist.
Der Witz ist dabei nie die Pointe allein. Der eigentliche Witz ist die Welt, in der das alles eine vollkommen normale Logik hat.

Gleichzeitig gelingt den Pythons ein Trick, den bis dahin kaum jemand geschafft hatte: Sie kombinieren Hochkultur mit absolutem Blödsinn. Da reihen sich philosophische Anspielungen an historische Satire – und einen Fäkalwitz. Ein Oxford-Absolvent kann darüber lachen. Ein 14-Jähriger auch. Das macht ihre Sketches demokratisch in einem Sinn, den kaum eine andere Comedy-Gruppe je erreicht hat.
Hinzu kommt: Monty Python macht sich über Dinge lustig, die in den 1970ern praktisch unantastbar sind. Die Kirche. Das Militär. Das britische Klassensystem. Bürokratie als absurde Gottheit. Das ist in jener Zeit nicht nur frech. Das ist für viele schlicht skandalös. Und dann wäre da noch Terry Gilliam, der einzige Amerikaner der Gruppe, dessen surreale Collagen-Animationen die Sketches verbinden und das Gefühl verstärken, dass hier buchstäblich keine Regeln mehr gelten.

NUR EINE FLEISCHWUNDE

Aus der BBC-Serie werden Kinofilme – und die haben es in sich. «Monty Python and the Holy Grail» (1975) ist König Artus auf Gralssuche, ohne Pferde, weil das Produktionsbudget von nur 400'000 Dollar tatsächlich keine echten Pferde erlaubt. Also klappern Knappen mit Kokosnüssen hinter den Rittern her.
Kein Studio will den Film finanzieren. Stattdessen springen Pink Floyd, Led Zeppelin und Genesis ein – als Steueroptimierung, wohlgemerkt. Das Resultat ist einer der meistzitierten Filme der Kinogeschichte: der Schwarze Ritter, dem Arm um Arm abgehackt wird und der trotzdem kämpft («It's just a flesh wound»), das mordlüsterne Kaninchen, die Hexenprobe mit dem Gewicht einer Ente. «Die Ritter der Kokosnuss», wie der Film hierzulande heisst, ist absurdes Mittelalter als Kommentar auf Autoritätsgläubigkeit und gleichzeitig einfach sehr, sehr lustig.

«Monty Python's Life of Brian» (1979) ist der schärfere, mutigere Film. Brian Cohen wird im Jahr null neben Jesus geboren und seitdem fälschlicherweise für den Messias gehalten, egal wie oft er seinen Anhängern erklärt, dass sie ihm nicht folgen sollen. Die Kirche reagierte damals mit Protesten und Boykottaufrufen. Mehrere amerikanische Städte verboten den Film. Das hinderte die Pythons wenig: Ihre Satire traf nicht den Glauben, sondern den blinden Gehorsam – das Bedürfnis der Menschen, jemanden anzubeten, dem sie folgen können.
Und am Ende, während Brian am Kreuz hängt, singt Eric Idle «Always Look on the Bright Side of Life». Der Song wird so populär, dass britische Matrosen ihn auf einem im Falklandkrieg torpedierten Zerstörer anstimmen, während sie auf Rettung warten.

«Monty Python's The Meaning of Life» (1983) hingegen ist der chaotischste der drei Filme – lose verbundene Sketches über die grossen Fragen des Lebens, von der Geburt bis zum Tod, und alles dazwischen. Er ist weniger kohärent als seine Vorgänger, hat aber einige der dunkelsten, abgefahrensten Szenen der Python-Geschichte. Wer einen Film sucht, der gleichzeitig philosophisch und vollkommen bescheuert ist, ist hier genau richtig.
KEIN MESSIAS – NUR EIN FRECHER BENGEL
Man kann eine direkte Linie ziehen von Monty Python zu fast jeder modernen Comedy, die heute als wegweisend gilt. «The Simpsons» mit ihren Meta-Witzen und absurden Nebenhandlungen etwa. «South Park» mit seiner minimalistischen Animation und der respektlosen Satire auf Religion, Politik und alles dazwischen. Oder sogar «Family Guy» mit seinen Cutaway Gags ohne jeden Kontext, die einfach passieren, weil sie es können.

All diese Formate stehen auf den Schultern von sechs Briten (und einem Amerikaner), die 1969 beschlossen haben, dass Comedy keine Pointen braucht, solange die Welt, in der sie spielt, ihre eigene absurde Logik hat. Das ist der eigentliche Pioniergeist. Nicht eine einzelne Erfindung. Sondern die Bereitschaft, Comedy als Kunstform zu behandeln – und gleichzeitig auf jeden Anspruch zu pfeifen.
Wer das mit eigenen Augen sehen will: THE ONES WE LOVE zeigt im Mai alle drei Filme auf der Leinwand. Kokosnüsse sind keine Pflicht. Aber empfohlen. Und folgt dem Beispiel Brians besser nicht. «He's not the Messiah – he's just a very naughty boy!»


